
Bei den neuesten Cyberangriffen reicht es längst nicht mehr aus, gefälschte Websites zu erkennen. Sicherheitsforscher schlagen aktuell Alarm, da Kriminelle mittlerweile einen neuen Weg gefunden haben, selbst gut geschützte Konten zu komprimieren. Das Perfide daran ist, dass die Opfer den Angreifern dabei selbst die Tür öffnen, ohne es zu merken.
Wie verändert sich Phishing gerade grundlegend?
Jahrelang folgte Phishing einem bekannten Muster: Kriminelle lockten ihre Opfer auf täuschend echte Kopien bekannter Webseiten, um dort Passwörter oder Bankdaten abzugreifen. Doch diese Methode verliert zunehmend an Wirkung. Denn moderne Schutzmechanismen und eine wachsende Sensibilisierung der User machen die klassischen Phishing-Angriffe immer schwieriger. Eben darum haben die Täter ihre Strategie angepasst. Statt Zugangsdaten direkt zu stehlen, versuchen sie jetzt, User dazu zu bringen, Zugriffsrechte eigenhändig zu vergeben oder Anmeldungen zu bestätigen. Damit umgehen sie viele der Sicherheitsmaßnahmen, die bisher als besonders wirksam galten.
„Wir beobachten derzeit eine Evolution des Phishings. Früher versuchten Angreifer, Passwörter zu stehlen. Heute bringen sie ihre Opfer dazu, den Zugriff selbst freizugeben. Damit wird der Nutzer vom Ziel zum Werkzeug des Angriffs“, erklärt der Sicherheitsexperte bei ESET Philipp Plum.
Warum funktionieren alte Betrugsmaschen immer schlechter?
In den vergangenen Jahren haben Unternehmen und Privatpersonen massiv in die Sicherheit ihrer Konten investiert. Besonders die Multi-Faktor-Authentifizierung, kurz MFA, gilt als wirksamer Schutz gegen Kontoübernahmen. Gleichzeitig werden Nutzer regelmäßig über Phishing-Gefahren aufgeklärt und reagieren dementsprechend deutlich misstrauischer auf verdächtige Nachrichten. Für die Täter bedeutet das, dass das einfache Abgreifen von Passwörtern häufig nicht mehr ausreicht. Statt technische Schwachstellen auszunutzen, konzentrieren sich die modernen Angriffe vermehrt auf die Manipulation menschlicher Entscheidungen. Das Vertrauen in bekannte Plattformen wird hierbei gezielt ausgenutzt.
Was steckt hinter der „EvilTokens“-Methode?
Besonders besorgniserregend ist eine Angriffskampagne namens „EvilTokens“. Anders als bei klassischen Betrugsversuchen landen User dabei nicht auf gefälschten Webseiten, sondern auf echten Anmeldeseiten bekannter Dienste wie Microsoft. Dort werden sie aufgefordert, einen Anmeldecode einzugeben oder einen Log-in zu bestätigen. Auf den ersten Blick wirkt alles völlig legitim. Tatsächlich bestätigen die Betroffenen jedoch nicht ihre eigene Anmeldung, sondern eine bereits vom Angreifer gestartete Sitzung. Weil die Authentifizierung über offizielle Dienste erfolgt, entsteht kaum Misstrauen. Genau darin liegt die besondere Gefahr dieser Methode.
Wie verschaffen sich die Täter Zugriff auf fremde Konten?
Der Ablauf beginnt meist mit einer scheinbar harmlosen Nachricht. Die Cyberkriminellen verschicken E-Mails oder Messenger-Nachrichten mit Hinweisen auf wichtige Dokumente, Freigaben oder dringende Benachrichtigungen. Die Empfänger werden anschließend aufgefordert, einen Code einzugeben oder eine Anmeldung zu bestätigen. Der entscheidende Unterschied ist, dass der angezeigte Code nicht zu einer Aktion des Nutzers selbst gehört, sondern zu einer Sitzung, die zuvor vom Angreifer gestartet wurde. Bestätigt der Betroffene jetzt die Anfrage, erhält der Täter ein gültiges Zugriffstoken. Damit kann er auf E-Mails, Cloud-Speicher oder weitere Unternehmensdienste zugreifen. Und das, ohne jemals das eigentliche Passwort zu kennen. Sicherheitsforscher berichten bereits von zahlreichen entsprechenden Kampagnen. Die Opfer waren unter anderem Organisationen in Deutschland, den USA, Kanada, Australien und Neuseeland.
Weshalb kann sogar die 2FA versagen?
Die neue Angriffsmethode zeigt deutlich, dass moderne Cyberkriminalität nicht mehr zwingend auf technische Sicherheitslücken angewiesen ist. Da die Freigabe durch den rechtmäßigen Nutzer erfolgt, bewertet das Sicherheitssystem den Vorgang als legitim.
„Viele Sicherheitsregeln basieren auf der Annahme, dass gefälschte Webseiten oder gestohlene Passwörter die größte Gefahr darstellen. EvilTokens zeigt, dass Angreifer inzwischen legitime Dienste missbrauchen und das Vertrauen der Nutzer in bekannte Plattformen gezielt ausnutzen“, so Plum.
Genau aus diesem Grund können selbst Konten mit aktivierter Zwei-Faktor-Authentifizierung kompromittiert werden. Das Problem liegt nicht in der Technik, sondern in der gezielten Täuschung der User.
Worauf sollten Nutzer jetzt besonders achten?
Um sich vor den neuen Angriffen zu schützen, empfehlen Sicherheitsexperten erhöhte Wachsamkeit:
- Unerwartete Anfragen zur Eingabe von Anmelde- oder Gerätecodes immer kritisch prüfen
- Vor jeder Bestätigung hinterfragen, warum die Authentifizierung erforderlich ist
- Kontrollieren, welche Anwendung oder welcher Dienst Zugriff auf das Konto erhalten soll
- Bei Nachrichten mit Zeitdruck oder angeblicher Dringlichkeit besonders vorsichtig sein
- Im Zweifel die Anfrage abbrechen und den Absender über einen bekannten Kommunikationsweg kontaktieren.
- Keine Anmeldungen bestätigen, die man selbst nicht aktiv gestartet hat
- Sich regelmäßig über moderne Phishing-Techniken informieren
Die neue Kampagne zeigt, dass eine echte Anmeldeseite längst kein Beweis mehr dafür ist, dass die dahinterstehende Anfrage auch vertrauenswürdig ist.
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