„Treuestrafe“ – Loyale Stromanbieter-Kunden zahlen Milliarden zu viel

„Treuestrafe“ – loyale Stromanbieter-Kunden zahlen Milliarden zu viel

Viele Verbraucher bleiben ihrem Stromanbieter jahrelang treu. Doch genau diese Loyalität kann teuer werden. Eine neue Studie der RWTH Aachen im Auftrag des Energieunternehmens Octopus Energy zeigt, dass Bestandskunden deutlich höhere Preise zahlen als Neukunden. Für Millionen Haushalte in Deutschland summiert sich das auf Milliardenbeträge.

Warum zahlen treue Stromkunden mehr?

Zahlreiche Haushalte haben sich daran gewöhnt, ihren Stromanbieter regelmäßig zu wechseln, um sich günstige Tarife zu sichern. Doch längst nicht alle Verbraucher nutzen diese Möglichkeit. Tatsächlich profitiert nur etwa ein Viertel der Haushalte von attraktiven Neukundentarifen. Die Mehrheit bleibt beim bestehenden Anbieter und zahlt dafür häufig deutlich mehr. Genau das bezeichnet das Unternehmen, das die Studie in Auftrag gegeben hat, als „Treuestrafe“. Die Anbieter locken neue Kunden mit besonders günstigen Einstiegspreisen. Diese Tarife gelten meist jedoch nur im ersten Vertragsjahr. Danach steigen die Preise deutlich an. Laut der Studie der Universität erhöht sich der Strompreis im zweiten Vertragsjahr durchschnittlich um rund 47 Prozent bzw. 13 Cent pro Kilowattstunde. Wer seinem Anbieter treu bleibt und keinen Wechsel vornimmt, zahlt oftmals deutlich mehr als notwendig. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Bestandskunden allein im vergangenen Jahr rund 11 Milliarden Euro zu viel bezahlt haben. Die Mehrkosten entstehen, weil günstige Neukundentarife indirekt von den höheren Preisen der Bestandskunden finanziert werden.

Was geht aus der Studie hervor?

Die Untersuchung der RWTH Aachen hat erstmals die konkrete Preisdifferenz zwischen Neukundenangeboten und Bestandstarifen analysiert. Grundlage dafür waren tausende Preisanpassungsschreiben von privaten Stromkunden, die wissenschaftlich ausgewertet wurden. Das Ergebnis zeigt, dass bis zu drei Viertel aller Haushalte in Deutschland im Jahr 2025 von höheren Bestandspreisen betroffen waren. Das entspricht rund 30 Millionen Haushalten. Während Neukunden durchschnittlich etwa 25 Cent pro Kilowattstunde inklusive Steuern und Abgaben zahlen, liegt der Preis für Bestandskunden im Schnitt bei 31,2 Cent pro kWh. Noch teurer ist die sogenannte Grundversorgung. Die Haushalte zahlen dann durchschnittlich 42,8 Cent pro kWh. Die Studie zeigt außerdem, dass sich durch einen Anbieterwechsel Einsparungen von etwa 20 bis 35 Prozent ergeben können. Insgesamt summieren sich die zusätzlichen Kosten für Bestands- und Grundversorgungskunden auf rund 11 Milliarden Euro jährlich. Davon entfallen rund 7 Milliarden auf Haushalte mit bestehenden Stromtarifen und rund 4 Milliarden Euro auf Kunden in der Grundversorgung.

Welche Konsequenzen sollten Verbraucher daraus ziehen?

Die neue Studie macht deutlich, wie wichtig ein regelmäßiger Tarifvergleich ist. Wer seinen Stromvertrag über mehrere Jahre unverändert laufen lässt, zahlt oft deutlich mehr als nötig. Professor Aaron Praktiknjo von der RWTH Aachen erklärt:

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich für Kunden lohnt, nach etwa einem Jahr erneut Tarife zu vergleichen und offen für einen Anbieterwechsel zu bleiben. Für einen Vierpersonenhaushalt kann das ein Sparpotenzial von bis zu rund 500 Euro pro Jahr bedeuten. Angesichts unserer Ergebnisse kann man Haushalten nur empfehlen, nach Preisanpassungsschreiben Tarife aktiv zu vergleichen.“

Das Energieunternehmen Octopus Energy spricht sogar von einer systematischen Strategie vieler Stromanbieter. Dieses basiere auf dem Prinzip des „Anlockens und Abzockens“. Hinzu kommt, dass sich die Preisunterschiede in den vergangenen Jahren wesentlich vergrößert haben. Während ein Neukundentarif im Jahr 2018 im Schnitt nur etwa 121 Euro Vorteil brachte, liegt die mögliche Ersparnis heute bei bis zu 492 Euro jährlich.

„Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ein ausgeprägter Wettbewerb im deutschen Stromvertrieb primär im Neukundensegment stattfindet, während Bestandskund:innen nur begrenzt von Markt- und Kostensignalen profitieren“, heißt es in der Studie.

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