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Schutzranzen – gute Idee für mehr Schülersicherheit in der Kritik

Schutzranzen - gute Idee für mehr Schülersicherheit in der Kritik

Eltern-Taxis vor der Schule, unaufmerksame Kinder auf dem Schulweg und sich selbst überschätzende Autofahrer in den 30er-Zonen: Es gibt viele Ursachen für Verkehrsunfälle mit Schülern. Das Unternehmen Coodriver aus Wolfsburg möchte mit dem Projekt Schutzranzen für mehr Sicherheit auf dem Schulweg sorgen. Der grundsätzlich gute von unter anderem Ranzenhersteller Scout und VW unterstützte Ansatz steht derzeit jedoch in der Kritik. Das bremst die Entwicklung und zeigt auf, wie zweigeteilt die Gesellschaft derzeit gegenüber einer Digitalisierung ist.

Was ist das Projekt Schutzranzen?

Das Projekt Schutzranzen ADP (Schutzranzen Anonyme Digitale Position) besteht aus zwei Komponenten:

  1. Schüler erhalten eine App oder einen GPS-Tracker. Das Gerät sendet bei Aktivierung ein Signal aus. Das Gegenstück ist an Navigationssystemen angeschlossen. Dieser Empfänger ortet das anonymisierte Signal und macht den Fahrer auf ein Kind in der Nähe aufmerksam. Beides trägt nach Ansicht von Coodriver zu mehr Sicherheit auf dem Schulweg bei. Das sehen auch Medien so. Denn das Projekt erhielt den Mobility-and-Safety-Award 2016 der Fachzeitschrift Auto Motor Sport.
  2. Der zweite Teil von Schutzranzen ADP ist eine Ortungsfunktion für Eltern. Sofern das Kind die Funktion aktiviert, können Eltern den aktuellen Standort des Kindes erfahren und das Kind kann bei Bedarf einen Notruf absenden. Wichtig dabei: Das Kind kann den Sender jederzeit selbst an- und ausschalten.

Kritik: Datensicherheit gegen Verkehrssicherheit

Derzeit gibt es in den Medien eine regelrechte Schlacht um das Thema. Einige Experten sowie einzelne Datenschutzbeauftragte der Länder kritisieren das Konzept Schutzranzen. Hauptargument: Die verschlüsselt übertragenen Daten werden zwar innerhalb kürzester Zeit von den Servern gelöscht und das Kind muss die App bzw. den Sender aktivieren, die Daten landen jedoch unter anderem auf Servern von Amazon sowie durch das eigene Hosting bei 1&1 und Microsoft. Kurz: So geschützt die App sein möchte, sollen die Daten an Dritte, auch an Dritte im Nicht-EU-Ausland, übertragen werden.

Das Unternehmen bestreitet jedoch, dass personenbezogene Daten an Dritte übermittelt werden und verweist auf eine notwendige technische Struktur sowie auf die Verschlüsselung. Speziell die vom Verein Digital Courage vorgebrachten Kritikpunkte sieht das Unternehmen als ungerechtfertigt an. Weniger lässt sich der Kritik des Kinderschutzbundes Niedersachsen entgegnen. Dieser zeigte sich entsetzt und sieht durch die “ Totalüberwachung aus dem Schulranzen“ das Recht auf Privatleben und freie Entfaltung der Kinder verletzt. Wegen der aufbrausenden Kritik hat sich Coodriver daher entschlossen, vor einer Forcierung des Projekts zuerst das Gespräch zu suchen und mehr Transparenz herzustellen.

Das Grundproblem bei dem durchaus sinnvollen Ansatz bleibt jedoch, dass über das Einbinden der Kartenfunktion von Google sowie das Auslagern der Daten auf Server von Dritten der Datenschutz zumindest hinterfragt werden muss. Zudem sehen mehrere Landesdatenschutzbeauftragte das Erheben bestimmter Daten sowie den Zugriff auf bestimmte Smartphone-Bereiche kritisch. Die niedersächsische Landesdatenschutzbeauftragte Barbara Thiel äußerte gegenüber Medien darüber hinaus ihren Zweifel, ob Unfälle wirklich vermieden würden oder die Fahrer und Kinder nicht sogar zu mehr Unachtsamkeit verleitet würden.

Digitalisierung: gesamtgesellschaftliches Konzept dringend erforderlich

Es stellt sich die Frage: Ist der Preis für mehr Sicherheit hier zu hoch? Ob die Digitalisierung des Schulwegs durch Schutzranzen zu weniger Unfällen führt, bleibt vorerst ebenso offen wie die Frage, wie sicher die Daten durch das App-Konzept wirklich sind. Anhand dieser kontrovers geführten Diskussion in den Medien zeigt sich jedoch, dass es viel Diskussionsbedarf in der Gesellschaft gibt, in welche Bereiche die Digitalisierung wie weit eindringen darf. Das Problem: Es ist eine Diskussion, die gesamtgesellschaftlich vorrangig durch die Parteien und Meinungsführer wie Medien, Kirchen und Verbände öffentlich zu führen ist, sich jedoch bisher fast ausschließlich an konkreten Fällen abarbeitet. Es fehlt ein klares gesamtgesellschaftliches Konzept, das alle Vorteile, Nachteile und Grenzen der Digitalisierung beinhaltet.

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